Um 17:25 Uhr ging Anders Behring Breivik zurück über den Zeltplatz, wo Gunnar Linaker bewusstlos am Boden lag.

Bis jetzt hatte Breivik drei Menschen am Anleger getötet, drei am Haupteingang, einen auf dem Zeltplatz und zwei auf dem Weg dorthin. Nun bog er um die Ecke des langen Holzgebäudes, in dem sich die Cafeteria und der große Saal befanden, und ging die Außenwand entlang.

Er war unsicher, ob er hineingehen sollte. Das Betreten eines Gebäudes war stets mit einem Risiko verbunden. Jemand konnte hinter der Tür stehen und aus dem Hinterhalt angreifen, ihn in eine Falle locken und überwältigen. Bei World of Warcraft sanken die Überlebenschancen, sobald man sich in die Festung des Feindes begab.

>>Was ist los?<<, rief ihm ein AUF-Mitglied vom Fenster aus zu. Weitere Köpfe erschienen. Die Jugendlichen hatten den uniformierten Mann bisher noch nicht gesehen.

>>Jemand schießt, also haltet euch fern von den Fenstern!<<, sagte er ihnen. >>Legt euch auf den Boden, ich komme und helfe euch!<<

Breivik betrat das Gebäude. An den Wänden hingen Poster mit AUF-Parolen aus den vergangenen Jahren. Im Flur standen Hunderte Paar Schuhe und Stiefel, da in den Sälen keine Straßenschuhe erlaubt waren.

Ruhig ging er in den ersten Saal, auch bekannt als kleiner Saal. Er blieb einen Moment in der Tür stehen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Die Jugendlichen schauten ihn erwartungsvoll an. Er näherte sich einer Gruppe von ihnen und begann zu schießen. Gleich mehrere fielen zu Boden. Ha, die tun nur so, ging es ihm durch den Kopf. Ruhig nahm er sich einen nach dem anderen vor und beendete das Leben jedes Einzelnen mit einem Kopfschuss.

Ein paar Jugendliche standen wie angewurzelt da und schrien. Sie hatten den Blick fest auf ihn gerichtet, außerstande, davonzulaufen, zu flüchten, sich in Sicherheit zu bringen. Wie seltsam, dass sie einfach nur dastehen, dachte Breivik. Das habe ich im Film noch nie gesehen. Dann richtete er die Pistole auf sie.

Åsne Guldahl SeierstadEiner von unsDie Geschichte eines Massenmörders

Tüchtigkeits-Ehrgeiz

Und schließlich gab es da einen seltsamen, sehr deutschen Ehrgeiz, der plötzlich zu spielen begann, ohne dass wir es selbst so recht merkten: nämlich einen abstrakten Tüchtigkeits-Ehrgeiz, den Ehrgeiz, eine Sache, die einem aufgegeben wird, auch wenn sie völlig sinnlos, unverständlich und sogar demütigend ist, so gut wie möglich zu machen, so tüchtig, sachlich und gründlich wie nur denkbar auszuführen. Schränke putzen sollten wir jetzt? Marschieren? Singen? Es war zwar blödsinnig, aber gut, wir wollten zeigen, daß wir Schränke putzen konnten, wie kein professioneller Schrankputzer, und marschieren, wie alte Soldaten, und so zackig singen, dass sich die Bäume bogen. Diese Verabsolutierung der Tüchtigkeit ist ein deutsches Laster; die Deutschen halten sie für eine Tugend. Jedenfalls ist sie eine der tiefsten deutschen Eigenschaften. Wir können nicht anders. Wir sind die schlechtesten Saboteure der Welt. Was wir machen, müssen wir erstklassig machen, keine Stimme des Gewissens oder der Selbstachtung kommt dagegen auf. Darin, die Sache, die wir gerade machen, gut zu machen – ganz gleich was es ist; eine anständige und sinnreiche Arbeit; ein Abenteuer; oder ein Verbrechen, – finden wir eine tiefe lasterhaft-beglückende Betäubung, die uns jeden Gedankens an den Sinn und die Bedeutung dieser Sache, die wir da gerade tun, überhebt. „Aber es ist wirklich gute Arbeit“, sagt noch der Polizist in Deutschland mit Bewunderung, wenn er das gründlich und methodisch ausgeräumte Tätigkeitsfeld des Einbrechers überblickt.

Sebastian HaffnerGeschichte eines Deutschen / die Erinnerungen 1914 – 1933