Karl Jaspers

Existenzphilosophie

Freiheit des Willens und aktives Handeln.

Existenzielle Kommunikation

Sich seinem Schicksal fügen, – nein, danke, nicht mit Karl Jaspers. 1938 musste er dafür sein Lehrstuhl an der Uni Heidelberg räumen. Im Gegensatz zu Heidegger hat sich Karl Jaspers nie von unterdrückerischen Totalirismen und menschenverachtender Ideologie der Nazi Schergen verführen lassen.

Karl Jaspers (1883 1969) sein Denken galt der Orientierung in einer zutiefst verfremdeten Welt.

Studenten, die aus meinen Reden nicht klug werden, nie herausbekommen, ob ich nun „links“ oder „rechts“ stehe, sage ich: I want to confuse you. This is the beginning of all political wisdom.

Mediziner, Psychologe, Philosoph

Gelernter Mediziner, Psychopathologie, fing ganz unten an, als Assistent ohne Lohn. Schrieb ein paar wichtige Abhandlungen, welche in Fachkreisen als Meilensteine gelten. Wurde Professor. Brachte das Fach der Psychologie an die Universität. Widmete sich im Laufe seiner Karriere der Philosophie, aber auch Politik, Religion und Geschichte. Er gehörte zu denen, die nachgefragt haben, die den Schreibtisch auch verlassen haben, um in die Öffentlichkeit zu gehen, er betrachtete es als seine Pflicht, ein unabhängiger Geist eben. Er stand für sich. Gehörte keiner Organisation an. Ein Außenseiter. Ein Intellektueller, einer der wichtigsten Denker des 20. Jahrhunderts.

Jaspers publizierte viele bedeutende Werke während seines Schaffens. Er begründete die Existenzphilosophie. Vermochte es aber auch politische Felder auszuloten, wie im Werk – Die geistige Situation der Zeit, 1931. Auf 150 Seiten wagte er die Perspektive in die gegenwärtigen 30er Jahre. Es ist der Aufruf zum Bildungsprozess eines jeden Einzelnen. Der Aufruf Aufgaben in der Gesellschaft zu übernehmen. Freiheit und Mündigkeit, im Zeitalter der aufkommenden totalitären Apparaturen und Bürokratien.

Der Mensch steht heute vor der Alternative: Untergang des Menschen oder Wandlung des Menschen.

Die Philosophie soll sich dem praktischen Leben zuwenden

Seine Philosophie bringt es auf den Punkt; sie muss vor der Wirklichkeit bestehen können, muss sie erhellen (Grundgedanke des Seins). Die Wirklichkeit ist das Maß, d. h. eine gute Philosophie führt zu Wirklichkeit und eine schlechte Philosophie führt von der Wirklichkeit weg. Das Zentrale (Existenzielle) bei Jaspers ist die Freiheit des Ego – die Transzendenz des Ego.  Bedeutet die Möglichkeit der Freiheit, den für ihn ist sie noch nicht Wirklichkeit, ist noch nicht gegeben. Mit Freiheit ist keine auf Dauer gemeint, viel mehr meint Jaspers eine Freiheit der Augenblicke, mitsamt ihren Grenzsituationen.

Denker der Grenzen – Grenzsituationen

Diese Situationen wechseln oft, doch manche Situationen, so fand er, sind immer gegeben, z. B. das man sterben muss und das man weiß, dass man sterben muss, aber nicht weiß wann. So ist Mensch dem Zufall ausgesetzt, und leidet, und kämpft, und handelt, wobei im Handeln selbst immer ein Maß an Gewalt beim Menschen vorhanden ist. Diese stets bleibenden Situationen könnte man auch Grundsituationen nennen. Diese werden zur Grenzsituationen, eine existenzielle Not, beispielsweise beim Leiden, bei Schmerzen, bei Belastung oder bei tiefer Schuld, bei tiefem Scheitern, ausgesetzt unter Lebensgefahr und unmittelbarer Todesnähe, eben an der Grenze, offenbart sich dem Menschen eine Essenz des menschlichen Daseins, ja des Menschen jeweiliges Selbst. Ein Jaspers Grundsatz: Grenzsituationen erfahren und existieren ist dasselbe.

Als Gegenpol dazu, entwickelte Jaspers die Kommunikation, die wiederum verbindet bei Grenzsituationen, da Sie auf Wahrheit und Wahrhaftigkeit sich stützt. Hier trennt die Wahrheit also nicht Menschen, sie verbindet. Jedoch auch nur dann, wenn man Wahrhaftigkeit will. Diese Kommunikation, besonders im Hinblick auf Grenzsituationen, ist immer ein kämpfendes Gespräch, weit entfernt von oberflächlichen Gesprächen, wo man ein Konsens sucht oder Angleichungsversuche unternimmt. Die Kommunikation, die Jaspers meint, ist immer wechselseitig. Sie ist ein Gespräch, keine Mitteilung. Aber im Gespräch fordert er zur Differenz auf. Bewusst. Den nur die Differenz erlaubt es zu verstehen, wer man ist, und was man will.

«Was der Mensch ist, das ist er durch die Sache, die er zur seinen macht»

Diese Kommunikation ist wie Therapie, den Jaspers litt an einer lebensgefährlichen Krankheit (Vereiterung der Bronchien). Die Krankheit war ständiger Begleiter, prägte ihn, auch zur Vorsicht, zu einer gewissen Selbstbesinnung, den schon eine harmlose Erkältung war lebensgefährlich.

Als die Nazis die Macht übernahmen, war das Ehepaar Jaspers von Deportation bedroht. Er zog sich endgültig zurück. Ihm wurde Redeverbot erteilt. Auch durfte er nicht mehr Bücher publizieren. Und an der Uni war sowieso Jaspers Verbot. Ausgeschlossen vom Leben und isoliert, duldeten ihn die Nazis widerwillig. Das Ehepaar bekam den Status einer Misch Ehe. Doch Jaspers versteckte mehrere Zyankalikapsel im Haus, für den Fall, dass Sie kommen und beide deportieren würden. Ein Leben in Vorsicht; Sie spürten jetzt die Grenzsituation an eigener Haut. Seine Philosophie durchlebt Jaspers jetzt selbst. Im Extremfall ist er vorbereitet und trifft entschlossen die Entscheidung zum Selbstmord.

„Gleichgültigkeit ist die mildeste Form der Intoleranz.“

Die Schuldfrage, 1946.

Nach Kriegsende kehrt Jaspers an die Universität zurück. Er befasste sich mit der Frage der Schuld, nachdem die Verbrechen der Nazis dem deutschen Volk offenbart wurden. Auf dieses Buch folgte keine große Reaktion, den so unmittelbar nach den Schrecken des Krieges waren die Menschen in der Bundesrepublik mit anderen Dingen beschäftigt.

Vier Schuldbegriffe

In seiner 1946 erschienenen Schrift „Die Schuldfrage“ setzte sich Jaspers ausführlich mit der Frage von Schuld und Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus auseinander. Die Analytik der Schuldbegriffe, also die Abgrenzung des Begriffs rechtliche Schuld, von der politischen Schuld, der moralische Schuld, der metaphysischen Schuld.

– die kriminelle Schuld aufgrund objektiv nachweisbarer Gesetzesverstöße.

– die politische Schuld durch Handlungen der Staatsmänner, an denen der Einzelne durch seine Staatsbürgerschaft und durch seine Mitverantwortung, wie er regiert wird, beteiligt ist.

– die moralische Schuld durch Handlungen, deren Charakter nicht allein dadurch nicht verbrecherisch wird, daß sie befohlen sind.

– die metaphysische Schuld aus der Mitverantwortung für alles Unrecht und alle Ungerechtigkeit in der Welt (Wenn ich nicht tue, was ich kann, um es zu verhindern, so bin ich mitschuldig.).

Verantwortung

Es war der Versuch der deutschen Bevölkerung etwas klarzumachen, nämlich die Klärung dieser unterschiedlichen Formen der Schuld, und für jeden als Pflicht zu akzeptieren. Fasst man Jaspers‘ Gedankengänge zusammen, so ergibt sich der Schluss, dass es – außer bei klar feststellbaren Verbrechen, sei es gegen geltendes Recht, sei es gegen übergeordnete Normen des Menschen- oder Völkerrechts – keine „Schuld“ und keine „Anklage“ geben kann, sondern nur die Verantwortlichkeit aus der Tiefe des eigenen Gewissens heraus.

“That which has happened is a warning. To forget it is guilt. It must be continually remembered. It was possible for this to happen, and it remains possible for it to happen again at any minute. Only in knowledge can it be prevented.”

Moderner Ansatz zur Weltphilosophie

In den Sechziger Jahren war er auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Er war im Radio, im Fernsehen, man hörte ihm und seine Bücher fanden großes Publikum, auch über Fachkreise hinaus. Später verließ er mit seiner Frau die Bundesrepublik. Es ging in die Schweiz. Seine Frau, Gertrud Mayer, vermochte es nicht mehr im Land der Täter weiterleben zu wollen, verständlich. In der Schweiz schließlich fand er die Ruhe und die Zeit, sich einer Weltphilosophie zu widmen. Darin ging es ihm primär um das Denken. Das Denken, das dazu befähigt alle Formen der Philosophie verstehen zu können. Nicht nur die europäische Philosophie gilt es zu studieren, auch die indische, die chinesische usw. Es geht ihm um grenzenlose Kommunikation.

»Was umgreift die Menschen heute weltweit? Nicht unbedingt ein
gemeinsames Ethos, das zwischen den Menschen siedelt und doch als ein
unmittelbares Gebot angesichts der Globalisierung und des damit einhergehenden
Konflikts der Kulturen erscheint!

Karl Jaspers und Gertrud Mayer in Basel. Das Ehepaar wurden zu Schweizern.

Interessanter Briefwechsel:

Hannah Arendt/Karl Jaspers. Briefwechsel 1926-1969