Phantom

15.06.2019 Ankunft. Wind aus West; West-Südwestwind erhöht die Chancen auf Aal. Ein Mix aus Sonne, Wolken und Schauer. Schwach regulierende, schwüle Atmosphäre. Luftdruck 1014 hPA. Die Mondphase zunehmend; Vollmond am Montag, den 17.06. Uhrencheck: kurz nach 19 Uhr. Wir sind am See. Auspacken, aufsetzten und Abmarsch. Vom Parkplatz bis zur Angelstelle sind es ca. 700 Meter. Eine Strecke, die von uns ehrfürchtig – ‚der lange Marsch‘ genannt wird.

Der lange Marsch.

Der Accumer See entstand von Menschenhand in den Jahren 1970 – 1975, damals wurden große Mengen frischer Erde benötigt, als Material zur Errichtung der Bundesautobahn A 29.

Schritt für Schritt, etliche Kilos am Körper, dazu feste Kleidung. Eng sitzend wie Latex. Kräfteraubend, Achtsamkeit wird abverlangt, sichere Schritte hinterlassen platt gedrückte Halme. Schmerzen schon nach etwa 100 Meter, spürbar an den wichtigsten Ecken des Körpers. Nach einigen Minuten drehe ich mich um, schaue zurück auf den Parkplatz, das Auto deutlich vom Weiten zu erkennen, Grausilber schimmernd.

Hier und da menschenleere Angelplätze, sie schreien nach uns, laden ein, kennen unsere Namen. Wir ignorieren sie, marschieren weiter, zähneknirschend. Dichtes Gestrüpp, hohes Gräser, dazwischen und gut getarnt fiese Hindernisse. Man hört Froschgesänge, ihr quaken so laut, lässt erahnen wie viele von ihnen hier rumlungern in der Umgebung. „Gib acht beim Auftreten“, gebe ich weiter nach vorne, „es lauern fiese Löcher im Erdboden“.

Waldgebiet.

See von oben. Unsere Stelle irgendwo zwischen den beiden Fragezeichen. Mehr in der linken Ecke, hin zur Bucht.

Der Boy läuft voran. Mühevoll schiebt er den Anhänger hinter sich her. Ein Großteil des Gepäcks lagert auf diesem in Eigenregie gebasteltem Transportmittel. Zelt, Grill, Kohle, Proviant, Taschenlampen und restliches Angel Equipment, sogar eine Lichterkette ist dabei, alles übereinander zum Turm gestapelt, dazu etliche Gummibänder die ein Zusammenhalt der Ladung garantieren. Eine Übermacht an weitläufigen Pflanzen und Gräsern verfangen sich gelegentlich in den Rädern und blockieren das Vorankommen.

Der letzte Abschnitt der Strecke mutiert. Wir betreten dichtes Waldgebiet, urwaldartige Strukturen. Der Boden, zwar übersät mit Ästen und feinem Gestrüpp, lässt abermals feste Schritte zu. Ein Trampelpfad ist nun wieder erkennbar. Es geht ein paar Meter flüssiger voran, entlang des Ufers, vorbei an dicht stehenden Laubbäumen und meterhohen Brennnesseln. Ein Zaun aus Weiden- u. Faulbaumgebüschen versperrt die freie Sicht auf den See. Die Baumkronen schützen den Boden vor Licht, über sie hinweg, schaffen es nur wenige Lichtstrahlen auf die Erde, der entstandene Schatten spendet Abkühlung, das morsche Holz am Boden knistert und knirscht bei jedem unserer Schritte.

Tanzschwärme.

Vor uns riesige Mückenschwärme, genauer Zuckmücken, ganze Divisionen, vor wenigen Stunden frisch geschlüpft, wie ein riesiger Teppich ausgebreitet über der höchsten Erhebungen der Uferregion, auch seitwärts davon. Kleine Okkupanten wohin man schaut. Die Plage ist nicht an Ärger interessiert, zum Glück, dafür aber ziemlich neugierig. Überfallartig umgeben sie uns. Lautes Durcheinander ganz nah am Ohr, freie Hautstellen werden sofort eingenommen. Einige drängeln ins Mundinnere. Kein Schutz möglich, keine Hand frei zum Gegenschlag, und so bleibt einem nur übrig das Elend tapfer zu ertragen. Ein Rhythmus der Märtyrer. Ich rege Mundspeichel an, durchspüle jede Ecke, stelle mir vor wie sie in Mundhöhle hin und hergerissen werden und ertrinken, dann spucke ich aus, gleich sind wir am Platz.

Paradigmenwechsel.

Wir planten ein paar Tage voraus, einfach alles, unser Vorgehen, die Mittel, die Strategie. Das tat gut. Wir fluteten unser Angellatein mit einer Schockwelle an Daten. Lasen uns durch Foren. Die Chancen sollten vergrößert werden. Die vergangenen Ausflüge wurden per Fehleranalyse auf Schwachstellen untersucht – gab einiges, was wir wegschmissen, erneuerten oder verfeinerten – Ideen Allerlei; Köder, Montage, Angelstelle. Wir formulierten Bedingungen:

  • der richtige Köder
  • zur richtigen Montage
  • zur richtigen Zeit
  • abgerundet auf die richtigen Wetterbedingungen

Montage mit Köpfchen.

Angeln auf Aal mit der Laufbleimontage.

Eine Optimierung betraf das Problem der blinden Bisse. Die alte Blei Montage direkt an Hauptschnur bot zu viel Widerstand. Verscheuchte Fische und Fehlbisse waren das Ergebnis davon. Die Lösung lautete: Laufbleimontage (siehe Bild). Das Blei hängt autonom an der Seite, weg von der Hauptschnur, an der nun einzig die Laufperle befestigt ist, und so widerstandsloses Gleiten ermöglicht. Beim Biss erlaubt diese Montage einwandfreies Abziehen des Köders ohne dabei das Misstrauen der Beute zu wecken.

Köder Experimente

Dämmerung. Kaum Wind. Niedrige Wassertiefe. Am Grund lauert was.

Die Leber stank ein wenig bitter, ein rumpfartiger Geruch, schwindend. Die Schnittbewegung mit dem Messer war nicht immer sofort effektiv. Gummiartige Fasern hielten das Ganze zusammen. Die aufgetaute Leber kam mittig auf ein Stück Stoff, welcher einer Damenstrumpfhose entnommen wurde. Wir wickelten die Hühnerleber darin ein, wie ein Neugeborenes. Die Enden wurden festgehalten, der Stoff spannte sich, lief rötlich an, wurde eins mit der Leber, dann befestigten wir das Päckchen mit Angelschnur, die abstehenden Enden wurden abgeschnitten, fertig. Ganze sechs Säckchen wurden vorbereitet. Im Netz schrieben sie, es sei ein Überraschungsköder auf Aal, äußerst effektiv, vor allem dann, wenn eine frische Leber am Haken angeboten wird, zu dumm, unsere kam direkt aus der Tiefkühlung.

Des Jägers stärkste Waffe.

Weshalb die Säckchen mit Leber? Europäische Aale besitzen im gesamten Tierreich den besten Riecher. Viel effektiver im Gebrauch, als die Nase von Hunden oder Nasenbären. Ich las irgendwo, dass dieses schlangenartige Tier manche Geruchsstoffe noch in einer Konzentration von 1770 Molekülen pro Kubikzentimeter Wasser wahrnehmen kann (!), – das ist eine Menge, und so verschwindend gering, als verrührte man einen einzigen Tropfen Parfüm in den dreifachen Volumen des Bodensees (144 km³!).

Effektiver Jäger mit grandiosen Riechfähigkeiten.

Wittert der Aal Futtergeruch aus weiter Ferne, ortet er diesen sogleich zielgenau und bestimmen sogar aus welcher Richtung die Duftmoleküle kommen. Faszinierend!

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Was also einer Aal Nase besseres anbieten als Hühnerleber; Wild und Blut triefend, verführerisch verpackt in Damenstrumpfhose, unersättlich am Tröpfeln, dunkelrot auf sandigem Grund, wie eine sprudelnde Quelle, welcher selbst trübe Wasserpartikel nichts entgegenstellen können, dieser im Mondlicht rötlich schimmernden Leber.

Es schien mir logisch, drum versuchte ich es, aber damit nicht genug, ich setzte einen drauf: An Rute Nummer zwei, und statt Blei, wurde ein Futterkorb installiert, diesen füllte ich mit Leberfetzen, quasi als zusätzlichen Anreiz. Verdammt, ich wollte es wissen.

Beute und Erkenntnis.

Es war ungefähr gegen 2 Uhr, wo ich aufgab, Ruten einholte und das Leber Experiment endgültig in den Kosmos feuerte. Für’n Arsch! Keine Effekte mit der Tiefkühlkost. Die Glocken blieben still. Sie ekelte mich einfach nur noch an. Meine Finger stanken nach Hühnerleber. Der Boy währenddessen, verzeichnete auf Tauwurm die ersten Biss Töne, freudige Klänge einer Aal Glocke, ein Auftakt einer friesisch heißen Nacht.

Ich stand im Wasser den Kescher fest in der Hand. Anlass war die mit Wucht in die Luft geschossene Aalglocke, was für ein Biss. Der Anschlag vom Boy folgte prompt, dann seine Feststellung, er war sich sicher, da hängt was dran. Der Lichtkegel verursacht durch Stirnlampe scannte geduldig die Wasseroberfläche ab, plötzlich ein Fischkopf im Wasser, kurz auftauchend, empor um sich schlagend. „Ein Karpfen“, murmelte ich leise, aber war es den möglich? Wenige Sekunden später die Gewissheit: ein Schuppenkarpfen.

Schilf in Ufernähe erschwerte die Arbeit mit dem Kescher, auf den letzten Metern bestand Fluchtgefahr, ein wildes zappeln, die Schnur angespannt, ein Risiko, sie könnte reißen. Letztlich gelang die Landung im Kescher, der Karpfen war an Land, geschafft, endlich Freude. Ein Foto. Glückwünsche aussprechen. Ein verdienter Fang. Nun der Griff zum Holzknüppel. Drei gezielte Schläge auf den Hinterkopf. Auf die Betäubung hin folgt ein präziser Stich, leicht die Klinge nach unten ziehen, rote Farbe entspringt der Wunde, das Herz getroffen, Karpfen Tod trat sofort ein. Die Messung ergab exakt ein Kilogramm an Gewicht. Der Händedruck besiegelt das Ende.

Schuldfrage.

Meine Korkgriff Rute, die edle, hab sie weit nach links rausgehauen, ziemlich nahe am Ufer, dort drüben ragten Bäume hinab ins Wasser. Die Tiefe dort betrug kaum einen Meter. Gegen 1 Uhr war es dann soweit. Biss, Anschlag, schnelles einholen, vorbei am Schilf, vorbei an Wasserpflanzen. Der Boy bemerkte es zuerst, „ein Aal!“, ließ er verlauten, noch keine Zustimmung von mir, „leuchte aufs Wasser!“, meinem Aufruf schnell befolgend warf das Licht einen hellen großen Kegel auf die Wasseroberfläche. Ja, jetzt sah ich es auch, schlangenartige Konturen, ein weißer Bauch, Wasserplätschern, von links taucht der Kescher auf, eine messerscharfe Situation, ruckartige Manöver der Schlange bleiben erfolglos, jetzt kommt es auf den drill an.

Jäger und Beute sehen sich in die Augen, die Materie weicht Millisekunden, mickrige Momente einer Entscheidung, erblicke seine Schnauze, weit aufgerissen, die Schnur ragt gerade heraus, an den Lippen winzig kleine Sägeblätter, ’schaut her‘, ruft er uns zu, wohlwissend wie wenig Zeit ihm noch bleibt, ‚ich bin ein viel zu kleines Exemplar!‘. Schnell wird klar, der Aal hat recht: Das Mindestmaß ist kaum erreicht. Kurze Zeit später an Land, leuchte ich hinein ins kleine Maul, unschöne Szenen, suche vergeblich den geschluckten Haken. Kleine Aale schlucken die Köder oft mit großer Gier.

Der Winzling wehrt sich, kämpft, windet sich, ein Handtuch plus Griff kriegen ihn wieder ruhig. Maul aufhalten! Wieder Hakensuche. Nichts. Ahne das Schlimmste. Jetzt nicht aufgeben, ich ziehe an der Schnur, kontrolliere, keine Bewegung, dann gleich noch mal, ein Kräftiges ziehen, Blut kommt hoch, doch damit nicht genug, Augen des Tieres laufen ebenfalls über vor Blut. Ich hasse mich. Sehe das Leiden aus nächster Nähe, zucke kurz zusammen, was zum Teufel …

Schock, Regungslosigkeit. Was habe ich getan? Innerlich ein freier Fall, falle tief wehre mich kaum dagegen. Plötzlich erreicht mich ein Ruf, ein knappes „Haken ab!“ Es ist der Boy. Meine Trance ist beendet.

Das Abschneiden der Schnur folgt einer schnellen Entlassung ins Wasser, „er wird schon wieder“, meint der Boy, „abwarten“ entgegne ich. Das Tier verschwindet blitzartig in der Tiefe. Stille am Platz. Nicht mein erster Vorfall dieser Art. Im Sommer des letzten Jahres entließ ich schon mal Fisch samt Haken ins Freie. Was sollte ich sonst tun? Ein schlechtes Gefühl blieb über Tage.

Ein Schluck Wickühler bringt leider keine Genesung, noch immer bin ich aufgewühlt. Die Glut auf dem Grill spendet Wärme, spüre sie kaum, wir legen die restlichen Würstchen auf das Gitter, dann greife ich zum Toast, bemerke mitten auf diesem eine gefräßige Nacktschnecke, wie sie sich über die Scheibe hermacht. Was gibt mir das Recht, sie am weiter fressen zu hindern?