Brummer im Raum

Ich sitze vor dem Bildschirm und lese. Plötzlich im Hintergrund erreicht meine Ohren ein tiefes brummen. Eine lästige Fliege. Eingedrungen durch das offene Fenster. Einzustufen in die Kategorie lauter Brummer, das sind die schlimmsten. Ganz aufgeregt, umherfliegend erkundet sie den Raum. Das Geräusch im Anflug dringt tief in die Ebenen meiner Membranen, wobei es Ängste im Kopfkino auslöst. Skurril; womöglich landet Sie noch auf meinem Bein. Schreckliche Furcht; begleitet vom fortwährenden Summen. Irgendwo entfernt, hinter mir, dann wieder ganz nah, und immer noch nicht von mir identifiziert. Ich drehe mich nicht um, fokussiere mein Blick auf den Screen. Die Unkenntnis darüber, wo Sie sich gerade befindet, lässt mir keine Ruhe, macht mich irre. Sie hat es geschafft, es beschäftigt mich. Im Kopf spiele ich Szenarien durch. Stille. Ist sie weg oder irgendwo gelandet? Vielleicht auf der Decke, neben der Lampe. Beobachtet Sie mich etwa spöttisch? Nichts geschieht. In der Not öffne ich das Fenster bis zum Anschlag. Sperrweit offen, das Tor zur Freiheit, ergreife sie Fliege, flieg hindurch! Eine Weile nun ist es ungewöhnlich ruhig im Zimmer. Zufrieden beglückwünsche ich mich selber zur zündenden Idee, dann gratuliere ich dem Eindringling. Bedenkt man der Lebenszeit einer Eintagsfliege, so war Sie nicht dumm, immerhin hätte das Zimmer ihre Todesstätte sein können, dünkt es mich, jedoch wählte Sie den bestmöglichen Weg ins Freie. Aber denkste! Das Brummen ist wieder da. Mit meiner Konzentration ist es auch vorbei. Ich wende mich vom Bildschirm ab, schon genervt scanne ich die Decke ab, durchkämme die Wände nach ihr, suche und suche, ohne sichtbaren Erfolg. Die Lust der Jagd hat mich verlassen, ich wähle das Bett. Zum Teufel mit ihr! Ergreife die Kopfhörer und höre Musik. Mag sein der Eindringling befindet sich noch immer im Raum, doch wenigstens bin ich ihr nicht hilflos ausgeliefert, den ihre Geräusche sind bedeutungslos geworden, wie der innere Drang ihrem wilden Treiben auf ewig ein Ende zu bereiten. Im Bett fasst mich der Gedanke, dass ich mich ihrem Willen unterworfen habe. Wäre sie gar nicht erst eingedrungen, höchstwahrscheinlich säße ich weiterhin an meiner Arbeit. Ach, welch Los eine Fliege dem Menschen zubereiten kann.